Mittwoch, 21. August 2013

Keine Sehensfreude

Der Wahlausschuss tagt im Neuen Rathaus
(Wahlleiter Carsten Köller, 2. v. l.). Foto: Heinz-Peter Tjaden












Rosamunde klebt wohl weitere Plakate

Vom Maschseefest ist noch einiges übrig geblieben und muss noch weggeschafft werden, vom Friedrichswall dagegen ist nichts übrig geblieben. An jedem Baum, an jedem Grashalm lehnt ein Plakat der SPD-Oberbürgermeisterkandidatin Rosamunde Schostok. Parkplatz vor dem Neuen Rathaus ist jedoch immer. Bis der Wahlausschuss tagt, sind es noch 30 Minuten. Mein Jagdterrier zieht mich zum Maschpark und schlürft erst einmal den Wasserspiegel des Teiches ein paar Zentimeter tiefer, was eine Entenfamilie jedoch nicht stört, ein Mann macht Fotos von seiner Liebsten, die im Gras liegt, auf der Rathausterrasse ist jeder Tisch besetzt, Touristinnen und Touristen aus aller Welt schlendern durch den über 100 Jahre alten Maschpark, störend wirkt nur ein Museumskasten, der hier wohl nur versehentlich steht. Ob Rosamunde Schostok ebenso versehentlich Oberbürgermeisterin von Hannover wird, bleibt abzuwarten.

Mein Hund rollt sich auf der Rückbank meines Autos zusammen und nimmt eine Mütze Schlaf, während ich die Treppe zum Gobelinsaal nehme. Die Tür ist verschlossen. Auf einem Zettel steht: "Sollte diese Tür verschlossen sein, dann nehmen Sie bitte die Tür zum Ratssaal." Deswegen nehme ich die. Der Wahlleiter, sein Stellvertreter und der Schriftführer sind schon da. Die Mitglieder des Wahlausschusses auch. Rosamunde Schostok aber nicht. Die klebt wohl weitere Plakate.

Eine Mitarbeiterin der Stadt drückt mir einen Zettel in die Hand. Darauf stehen die Namen der Kandidatinnen und Kandidaten, die heute zur Oberbürgermeisterwahl zugelassen werden sollen - oder aber nicht. Der Rechtsanwalt Matthias Waldraff tritt angeblich für die Christliche Union Deutschlands an. Vielleicht hätte er auf den Plakaten, die für ihn geklebt worden sind, doch nicht verschweigen sollen, dass er für die CDU kandidiert.

Dann staune ich über einen zweiten Einzelbewerber. Der heißt Carsten Schulz und ist 52 Jahre alt. Erst seit heute weiß ich, dass dieser Hannoveraner bis zu seinem Parteiaustritt Mitglied der Piraten-Partei gewesen ist und anschließend SPD-Mitglied werden wollte, was ihm nicht gelang. "Die Wahrheit wird siegen", verkündet er im Internet.

Der Wahlleiter verkündet jedoch, dass Carsten Schulz nicht als Oberbürgermeisterkandidat zugelassen werden kann. Der habe keine Unterstützerunterschriften gesammelt. Beim Wahlausschuss und beim Datenschutzbeauftragten seien Protestschreiben des 52-Jährigen eingegangen. Müsse ein Unabhängiger Unterschriften für sich sammeln, handele es sich um eine Benachteiligung gegenüber den Partei-Kandidaten. Außerdem mache der Datenschutz die Sammlung von Unterschriften fast unmöglich. Diesen Argumenten hält der Wahlleiter höchstrichterliche Urteile entgegen. Ein unabhängiger Kandidat müsse Unterschriften sammeln, um die Ernsthaftigkeit seiner Kandidatur zu beweisen. Da Carsten Schulz juristisch erprobt ist, plant er möglicherweise nach dem 22. September 2013 eine Anfechtung der Wahl. Denn auch Matthias Waldraff könnte mangelnde Ernsthaftigkeit unterstellt werden. Dieser Rechtsanwalt ist erst Anfang des Jahres in die CDU eingetreten, Stimmen holen will er als "Anwalt der Bürger" und als "Menschenkenner". Rosamunde Schostok dagegen sei eine "Berufspolitikerin". Waldraff will also ehrenamtlicher Oberbürgermeister werden?

Auch meine Kandidatur lassen Wahlleiter und Wahlausschuss an den Gesetzen scheitern. Die Zahl meiner Unterstützerunterschriften reicht nicht aus. Steht nun auch auf den offiziellen Seiten der Stadt Hannover.http://www.hannover.de/Service/Presse-Medien/Landeshauptstadt-Hannover/Aktuelle-Meldungen-und-Veranstaltungen/Vier-KandidatInnen Mein Name steht dort nicht. Der hat noch nie irgendwo gestanden (außer auf diesen Seiten). So ist das, wenn eine so große Dichterin wie Rosamunde Schostok Oberbürgermeisterin werden will.

Mein Hund entrollt sich wieder auf der Rückbank. Wir verbringen noch ein paar Minuten vor dem Neuen Rathaus, gehen zum Bahlsen-Brunnen und fahren dann weiter bis zur List. Aus dem Auto steigen ist auch hier vor einem Plakat von Rosamunde Schostok stehen. Auf einigen hat sie sich sogar in ihren Konfirmandin-Anzug geworfen. Vor dem Café Tabac spenden Bäume Schatten. Ich bestelle eine Folienkartoffel mit Serviette ohne Foto der SPD-Oberbürgermeisterkandidatin. Die Kellnerin schmunzelt.

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Kommentare:

  1. Wie viele Unterschriften hatten Sie denn und wie viele mußte man haben. Gibt es da Vorschriften?

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  2. die offizielle formulierung lautet "eine nicht ausreichende zahl". die unterlagen dürfen von dem kandidaten eingesehen werden. darauf habe ich bei dem schönen wetter in hannover verzichtet. ein unabhängiger kandidat braucht fünfmal so viele unterschriften wie die volksvertretung mitglieder hat. unterschreiben dürfen alle, die im wählerverzeichnis für die ob-wahl stehen.

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  3. aber anschließend fanden wir die zahl der anwesenden ziemlich ausreichend :-)

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  4. es gibt neue entwicklungen, habe ich erfahren. haben sie, herr tjaden, das auch schon gehört?

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